DIE GEISEL

Zeitungsartikel erschienen in Le Monde
am 1. Jänner 2003

Von Sylvie Kauffmann (gemeinsam mit Marie Delcas, Kolumbien)

„Bitte, meine Herren von der FARC, geben Sie diesen Brief Ingrid Betancourt, er ist ihr Geburtstagsgeschenk“. Ingrid Betancourt, Geisel der kolumbianischen Guerilla seit 10 Monaten, ist an einem 25. Dezember geboren. Weihnachten und Geburtstag an einem Tag, das kann doppelt fröhlich machen, aber auch doppelt traurig sein. Konnte Ingrid Betancourt am Ort ihrer Gefangenschaft, am Tag ihres 41. Geburtstages, den Brief lesen, den ihr ihre 16-jährige Tochter senden wollte und der von der Tageszeitung EL TIEMPO publiziert wurde? Man weiß es nicht – die letzten Nachrichten , die man von Ingrid, der ungewöhnlichen Präsidentschaftskandidatin hat, die während ihres Wahlkampfes am 23. Februar entführt wurde, sind vom Juli des vergangenen Jahres und sind ein Video, das Mitte Mai gedreht wurde.

Sollte sie das Glück gehabt haben den Brief zu lesen, hatte sie ohne Zweifel das schönste Geburtstagsgeschenk empfangen, das man bekommen kann. „Ich trage Dich in meiner Seele, Mama“, schrieb Mélanie, „ich bin bei Dir jede Sekunde. Bleibe stark. Ich höre Deine Stimme, ich fühle Deine Stärke, Du bist in mir. Die Entfernung verhindert das nicht, Mama, die Liebe, die Energien, die uns vereinen, kann man uns nicht nehmen.“

Einige Tage vorher ist Mélanie in Paris und, gemeinsam mit ihrem Vater Fabrice Delloye, dem ersten Mann von Ingrid, macht sie die Runden durch die Redaktionen, damit man ihre „mamita linda“, wie sie auf Spanisch ihre Mutter nennt, nicht vergißt. Melanie hat die Ernsthaftigkeit der Kinder, die zu früh erwachsen geworden sind, eine sanfte und nachdenkliche Stimme, feine Gesichtszüge und eine Gestalt, von der man ohne Zweifel annehmen kann, daß sie jener der Mutter im selben Alter gleicht. Wenn ihrem Vater die Emotion oft plötzlich die Stimme versagen läßt, während er sich erinnert, daß ihm Ingrid nach jedem harten politischen Schlag versicherte, sogar nach ihrer Scheidung, daß sie weiß, „daß ich mich auf dich verlassen kann“, dann ist es Melanie, die seine Hand nimmt und ihm einen beruhigenden Kuß gibt. Das sind die Momente in denen man sich fragt, was für eine erstaunliche Mutter, die so starke Kinder in die Welt setzte, so stark, daß diese Mutter sich sogar von diesen Kindern trennen konnte, um „Kolumbien zu retten“. Es ist eine Frau, deren Ex-Mann offenbar niemals aufgehört hat sie zu lieben; diese frühere Studentin der politischen Wissenschaften, für die der französische Außenminister den Atlantik überquerte und mit vor Rührung erstickter Stimme in Bogota ihre Befreiung verlangte, einer Kandidatin , die sich im eleganten schwarzen Kostüm genauso zu bewegen wußte wie in Jeans und der weder politische Rückschläge noch persönliche Opfer ihre Entschlossenheit nehmen konnten.

In Europa und in Nordamerika ist Ingrid Betancourt eine Heldin und Ehrenbürgerin von 284 Gemeinden, darunter Paris und Montreal. In Kolumbien ist sie, traurigerweise, eine von 3.000 Geiseln, die von bewaffneten Einheiten entführt werden, in einem Land in dem - als Höhepunkt des Alptraums - die Industrie der Geiselnahme mit der des Kokainhandels oder der Vertreibung der Zivilbevölkerung konkurriert. Als Senatorin, nachdem sie zuvor Abgeordnete gewesen war, gehört Ingrid Betancourt zu den 23 PolitikerInnen, darunter 5 Parlamentarier, ein früherer Verteidigungsminister und ein Gouverneur, die derzeit von der FARC (Forces armées révolutionnaires de Colombie = bewaffnete revolutionäre Armee Kolumbiens) gefangengehalten werden, und die die FARC wie Wechselgeld für die Entlassung ihrer inhaftierten Kameraden benutzen möchte, sowie auch mehr als fünfzig Soldaten und Polizisten, die als Geiseln gehalten werden, einige davon seit mehr als 5 Jahren. Entführungen sind also ein Teil des politischen Lebens in Kolumbien, bis hin zu dem Punkt, daß Kandidaten auch dann wählbar sind, während sie von den Guerrillas festgehalten werden.

Es gibt Ingrid die Französin und Ingrid die Kolumbianerin, zwei Teile , die sich nicht trennen lassen und dennoch von zwei verschiedenen Planeten zu stammen scheinen..... . Die Franzosen sind im März 2001 auf sie aufmerksam geworden, durch eine Pressekampagne, die Bernard Fixot, der Herausgeber der Edition XO, zur „promotion“ ihrer Autobiographie veranstaltet hatte. Er hatte sie überredet diese Biographie gemeinsam mit Lionel Duroy zu schreiben, nachdem er in einer Zeitschrift einen Artikel über sie gelesen hatte und ihr daraufhin versprach, „daß ein solches Buch ihren Todestag hinauszögern würde“. Eine Prophezeiung, über die sie zuerst lachen mußte, und die sich dann bewahrheitete.

Überzeugt davon, daß dieses Buch, „Die Wut in meinem Herzen“, zuallererst die Frauen interessieren und berühren würde, verteilte Fixot zuerst ungefähr tausend Exemplare - vor der Auslieferung des Buches - an die politische und mediale Öffentlichkeit der Frauen in Frankreich. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches hat France 3 sein Magazin „Von den Wurzeln und Flügeln“ Ingrid und ihrem Kampf gegen die Korruption in Kolumbien gewidmet. Am nächsten Tag, so erzählt der Herausgeber, „ sind die Menschen vor den Buchhandlungen Schlange gestanden, um «Die Wut in meinem Herzen» 
zu kaufen“. Es wurden insgesamt 210.000 Exemplare verkauft, nicht mitgerechnet die Übersetzungsrechte in 20 Sprachen. „Der Mut Ingrids, erklärt er, hat die Leute berührt, die in einer Gesellschaft leben, die keinen mehr hat. Sie ist schön, zart und zugleich auch stark. Die Frauen haben sie bewundert“. Eine Liebe auf den ersten Blick, von der man sagen kann, sie dauerte in Frankreich länger als in Kolumbien.

Was war es, wodurch Ingrid Betancourt die Franzosen berührt hat? Zuerst das märchenhafte dieser goldenen Kindheit, zwischen einem außerordentlich kultivierten Vater, Unterrichtsminister, dann Botschafter bei der Unesco, und einer Mutter, die zuerst Schönheitskönigin war und sich später sozial engagiert und um Waisenkinder kümmert, ihre Töchter Ingrid und Astrid nennt, weil sie die Märchen von Andersen so sehr bewunderte.

Geboren in eine sehr noble Familie in Bogota, die ihr die Liebe zu Kolumbien vermittelt, wächst die kleine Ingrid in den Salons eines riesigen Apartments in der Avenue Foch in Paris auf, wo sich die größten Namen der lateinamerikanischen Intelligenz versammeln. Pablo Neruda hat sie auf seinen Knien geschaukelt .... Ein Märchen, in dem nicht alles rosig ist, zuerst die Brutalität der Scheidung ihrer Eltern, die sie zutiefst verletzt. Washington, Paris, Bogota, ein Jahr in einem Pensionat in Sidmouth an einer guten englischen Schule, dann Bogota und im Jahr 1980 Rückkehr nach Paris, wo sie politische Wissenschaften studiert. Hier finden zwei bedeutende Begegnungen statt: mit Fabrice Delloye, einem jungen französischen Diplomaten, der ihr Ehemann wird, und mit Dominique Villepin, damals junger Chargé de Conférences am Institut für Politikwissenschaften, zu dem sie nie mehr den Kontakt verlieren wird und der ihr ein wertvoller Freund bleibt, bei dem sie regelmäßig Rat sucht, sogar während der Jahre im Elysée Palast, auch wenn es zwischen diesen beiden aufbrausenden Charakteren , wie Freunde sagen, soweit kommt, daß sie sich „beschimpfen“.

„Ich möchte Präsident meines Landes sein“ erklärt sie als 18-jährige ihrem zukünftigen Ehemann bei ihrem ersten Zusammentreffen. Er hat von Kolumbien nur ein Bild der Gewalt und nicht den Wunsch sich dort niederzulassen. Nachdem Ingrid ihr Studium abgeschlossen hat wird das Paar, bald durch die Geburt von Mélanie und später Lorenzo zu einer Familie geworden, glückliche Tage in Quito, auf den Seychellen, in Los Angeles , verbringen......Ingrid hat die französische Staatsbürgerschaft durch ihre Heirat erworben, aber sie kann Kolumbien und die Bomben nicht vergessen. Insbesondere auch deswegen nicht, da ihre Mutter, mittlerweile zur Abgeordneten gewählt, im Jahre 1989 Zeugin wird, wie Luis Carlos Galán mitten in einer Versammlung ermordet wird, ein Ereignis das beide Frauen sehr erschütterte. Er war der Kandidat für die Präsidentschaftswahlen, der den Rauschgifthandel in die Vereinigten Staaten unterbinden wollte und mit dem Yolanda Pulecio, Ingrids Mutter, gemeinsam den Wahlkampf geführt hatte. 

Im Jänner 1990 ist „der Ruf Kolumbiens“ zu stark, Ingrid verläßt das familiäre Nest (Lorenzo ist zu diesem Zeitpunkt nicht ganz 2 Jahre alt) und begibt sich nach Bogota, ihrem neuen Schicksal entgegen. Im folgenden Jahr läßt sich Fabrice nach Bogota versetzen und kommt mit den Kindern nach. „Du siehst, scherzt sie, es war nötig sich zu trennen, damit du hierher kommst“.

Ingrid Betancourt und Kolumbien lernen einander kennen und es gab auf beiden Seiten überraschende Erlebnisse. Als technischer Berater eines Ministers reist sie herum und entdeckt die lokalen politischen Bräuche. Mit 32 Jahren entscheidet sie sich, für den Kongreß zu kandidieren: „Gut, Mama, ich mach‘s , aber wie geht man das an?“ Das Adreßbuch von Papa und Mama hat ihr geholfen, aber alles andere macht sie sicherlich anders. Zum Beispiel haben ihre Eltern sicher nie die Idee gehabt Präservative an Kreuzungen zu verteilen, während die Ampeln auf Rot stehen, um die Wähler davon zu überzeugen, daß aufgrund ihrer Wahl „Kolumbien vor dem AIDS der Korruption geschützt werden soll“.

Überzeugend gewählt, tappt sie blindlings in Fallen die ihr durch Korruption und Vetternwirtschaft gestellt werden, sie erfährt ihre Weihen als Rednerin, teilt Schläge aus, viele, steckt genug ein, begeht Fehler, zahlt dafür, macht sich wenige Freunde, viele Feinde; besonders das Establishment von Bogota, das ihr nicht verzeihen kann, daß sie ihm „in die Suppe spuckt“. Sie zielt ganz nach oben, auf einen Sitz im Senat. Um sich nicht weiter mit den traditionellen Parteien zu kompromittieren, gründet sie ihre eigene Partei, Oxigeno Verde, gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, Juan Carlos Lecompte, einem kolumbianischen Werbefachmann. Und 1998 überrascht sie wieder: mit bescheidenen Mitteln, einer ungewöhnlichen Wahlkampagne mit einer einfachen Botschaft, wird sie die Senatorin, die mit den meisten Stimmen gewählt wird.

Die kolumbianische Presse huldigt ihrer „brillanten politischen Karriere“. Das Magazin SEMANA begrüßt den „enormen persönlichen Triumph“ dieser „leidenschaftlichen Senatorin, die feste Überzeugungen und fundierte Vorstellungen bezüglich bestimmter Meinungen hat“. In 8 Jahren hat „Ingrid“, wie sie die Kolumbianer nennen, der Notwendigkeit eine andere Politik zu machen, ihren persönlichen Stempel aufgedrückt. 

Aber Ingrid die Französin gewinnt die Oberhand über die Kolumbianerin mit ihrer auf Französisch geschriebenen Autobiographie für die Franzosen, während die spanische Version für die Kolumbianer erst einige Monate später verfügbar ist. Ist das schlecht angekommen? Hat sie den Graben zwischen ihren beiden Welten unterschätzt? Man hat ihr vorgehalten „die Schmutzwäsche Kolumbiens im Ausland zu waschen“. Der unabhängige Schriftsteller Oscar Collazos hat sie des „unheilbaren Snobismus“ bezichtigt, der sie dazu verleitet hat, dieses Buch zuerst in Frankreich und dann erst in Kolumbien zu publizieren, einem Frankreich in dem die Eliten sie als „Jeanne d’Arc der Anden“ feiern und die französischen Medien sich an der neuen Heldin festklammern. In Kolumbien sind Todesdrohungen kein Material für Literatur: sie gehören zum politischen Leben, so wie die Morde.

Ingrid Betancourt ist eine Persönlichkeit, die über dem Alltäglichen steht, die zugleich fasziniert und irritiert. Stark, couragiert? Aufrichtig, entschlossen? Sicherlich, antworten ihr nahe stehende. Starrsinnig, eigensinnig? Zweifellos. Naiv? Ja, das kommt vor. „Wer macht denn keine Fehler in Kolumbien ?“ sagt ihr Ex-Mann. Narzißtisch? „Ja, aber sie macht guten Gebrauch davon, sagt Lionel Duroy: Sie hat eine außergewöhnliche Gabe alle Welt für ihre Zwecke einzuspannen, sie fasziniert, man hört auf sie, sie verfolgt ihre Ziele absolut unerbittlich. Sie stürmt vorwärts. Sie will Präsidentin werden. Gemäß ihrer Schwester Astrid, hat sie „als sie in die Politik eintrat, nicht begriffen, welchen Preis sie zu zahlen haben wird, besonders im Hinblick auf ihre Kinder, aber sie hat ihre Wahl nie in Zweifel gezogen.“

Die Kritiker haben Ingrid Betancourt nie aufhalten können, und nachdem was Oscar Collazos „ihre kontinuierliche persönliche Auflehnung„ nennt, hat sie sich in den Kampf um das Amt des Präsidenten gestürzt, wobei als Wahltag der 26. Mai 2002 vorgesehen war. Dieses Mal ist ihre Botschaft weniger hörbar. Unter der Präsidentschaft von Ernesto Samper, von 1994 bis 1998, die vom Skandal der Finanzierung des Wahlkampfes durch den Drogenhandel gekennzeichnet war, hat sie stark auf diese Punkte hingewiesen. Aber am Ende der Präsidentschaft von Andrés Pastrana, ist die Korruption auf den zweiten Platz verwiesen worden. Es war der Friedensprozeß – und später seine Beendigung – mit der Guerilla, der Ingrid bewegte, sie spricht aber weniger Leute damit an. Sie setzt sich für Verhandlungen im bewaffneten Konflikt ein, während der Kandidat Alvaro Uribe, der favorisiert wird, eine harte Linie vertritt. Am 14. Februar akzeptiert sie, trotz allem, ein Angebot zur Diskussion mit der FARC, deren Chefs sie trifft, die bis zu den Zähnen bewaffnet sind. Vor den Kameras spricht sie mutig und mit einer Vehemenz, die beeindruckend ist. Sie bezichtigt sie der Verletzung der Menschenrechte und spricht ihnen jegliche politische Visionen ab. „Woran haben sie gedacht, als sie sich für die Guerilla entschieden haben?“ fordert sie sie heraus. „um mit Kokain zu handeln?“ Sechs Tage später wird der Präsident der Friedenskommission entführt und die Verhandlungen sind gescheitert.

In diesem Klima wird Ingrid Betancourt am 23. Februar entführt, auf der Straße nach San Vicente del Caguan, einer Stadt, die von der Armee in der FARC-Region befreit wurde und deren Bürgermeister, Nestor Leon Ramirez, Mitglied von Ingrids Partei, Oxigeno Verde, ist. Den ganzen Vormittag hatte sie verzweifelt versucht, mit dem Flugzeug (das vom Präsidenten Pastrana für den gleichen Weg gemietet worden war) nach San Vicente del Caguan zu kommen. Ohne Erfolg, es war kein Platz für die Kandidatin Ingrid.

Die Offiziere versuchten sie davon abzubringen, die Straße zu nehmen, aber das hieße sie schlecht kennen: Ingrid ist auf Wahltour, Ingrid wird ihre Anhänger in San Vicente besuchen. Ihr Wahlkampf endet abrupt hinter km 42, an einer Straßensperre , die die FARC aufgestellt hat. Diese Straßensperre bringt Ingrid und ihre treue Freundin und Wahlkampfleiterin Clara Rojas dazu, einen Pick-up zu besteigen, mit unbekanntem Ziel. Ihr Mann und ihre Mutter führen die Kampagne in ihrem Namen weiter, aber wie SEMANA schreibt „die Kraft die Ingrid beseelt, ist unersetzlich“ und am 26. Mai erhält sie nicht einmal 1 % der Stimmen. Unwichtig. Die, die sie kennen, wetten, daß sie nach dieser Prüfung noch entschlossener sein wird als früher, Kolumbien zu verändern.

In dem Video, daß die FARC im Juli ausgestrahlt hat, sind Ingrid und Clara dünn geworden. Ingrid hat die Schwäche des kolumbianischen Staates verurteilt, der seine Soldaten, die Gefangene der Guerilla sind, nicht retten kann, wie es die Vereinigten Staaten im Iran getan haben. Seither, unterstreicht Fabrice Delloye, „nichts, nichts, nichts“. Nicht der Schatten einer Nachricht. Am Morgen, wenn sie aufsteht, fragt sich Mélanie wo ihre Mutter geschlafen hat, ob sie es kalt oder warm hatte. Sie versucht sich selbst Mut zu machen, daß „Mama sehr, sehr tapfer ist.“

Betancourt.info